Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Rache ist süß

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46b60-einsamkeitIrène Némirovsky – Die süße Einsamkeit

Helene ist ein einsames Kind. Von der Mutter wird sie als lästiges Hindernis empfunden, das sie davon abhält ihrem eigenen Vergnügen so zu frönen wie sie es gerne hätte. Der Vater, von dem sie sich geliebt wähnt, ist meistens abwesend und damit beschäftigt, das Familienvermögen abwechselnd zu mehren oder am Roulettetisch zu verspielen. Helene lebt in ständiger Angst vor den harten Worten ihrer Mutter und in anhaltender Hoffnung darauf, dass der Vater ihr mehr als nur ein flüchtiges Lächeln und wenige Minuten seiner Zeit widmet. Sicher fühlt sie sich nur bei Madame Rose, ihrer Gouvernante, die ihr Geborgenheit und menschliche Wärme zuteil werden lässt.

Helenes Vater verliert ein Vermögen und baut sich kurz darauf ein noch viel Größeres wieder auf. Die Familie zieht aus dem alten Haus in Kiew in einen Stadtpalais in Sankt Petersburg um und Helens Mutter Bella verfällt ihrem gegenwärtigen Liebhaber dermaßen, dass er mit der Familie nach Petersburg zieht und fester Bestandteil des Haushaltes wird. Die kleine Helene hasst den jungen Mann, der 15 Jahre jünger ist als ihre Mutter und dessen Gegenwart sie als Kränkung ihres so geliebten Vaters empfindet.  Als die Affäre schließlich zur Entlassung ihrer geliebten Madame Rose führt, schwört Helene Rache. Eines Tages will sie ihrer Mutter jede Kränkung, jeden Moment der Angst und Einsamkeit heimzahlen. Die russische Revolution zwingt die Familie dazu, die Stadt zu verlassen. Nach Ende des ersten Weltkrieges lassen sie sich in Paris nieder. Bellas Liebhaber ist natürlich dabei und Helene, inzwischen eine sehr schöne junge Frau, setzt ihre Rachepläne in die Tat um. Da ihre Mutter ihr das Liebste genommen hat, will sie es ihr mit gleicher Münze heimzahlen.

Die meiste Zeit ihrer Erzählung verbringt Némirovsky damit, Helenes Kindheit und das Innenleben der sehr jungen Protagonistin in detaillierten Momentaufnahmen zu beschreiben. Die Sprache ist klar und einfach, und wird so der kindlichen Protagonistin gerecht. Umso erstaunlicher ist es da, dass Némirovsky es vermag, neben Helenes Gedanken und Gefühlen auch noch in kurzgehaltenen Beobachtungen eine Gesellschaft und Epoche auf den Punkt zu bringen, die selbst nach dem Krieg genau so weitermacht wie davor und sich völlig der Befriedigung individueller Wünsche und ihrer Gier nach immer mehr Reichtum hingibt:

„Nur das Geld vermochte es noch, die Menschen in Hélènes Umgebung leidenschaftlich zu erregen. Alle bereicherten sich. Man hatte das gro
ße Los gezogen. Das Gold floß in Strömen, doch der Lauf dieser Ströme war so launisch, ungestüm und bizarr, daß es selbst jene erschreckte, die von ihnen lebten. Es ging alles zu schnell, zu leicht…“


So bietet dieses Buch mehr als „nur“ die Abrechnung einer Tochter mit ihrer Mutter – zugleich zeichnet es ein lebendiges Bild von Europa (besonders Russland und Frankreich) zu Zeiten vor, während und nach dem ersten Weltkrieg.
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