Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Wenn die Nacht am dunkelsten ist…

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Franka Potente – Allmählich wird es Tag

Tim Wilkins glaubt, den amerikanischen Traum zu leben. Harte Arbeit hat es ihm ermöglicht, ein schönes Haus in einem wohlhabenden Vorort von Los Angeles zu kaufen. Nach einigen Jahren konnten seine Frau und er sogar den Garten um einen Pool bereichern. Der gemeinsame Sohn hat in Princeton studiert und ist jetzt erfolgreicher Agent in Hollywood. Sonntags trifft er sich mit dem Vater zum Golfspielen. Tims Frau Liz ist sanft und zart; nachdem der Sohn aus dem Haus ist, versucht sie, die freie Zeit mit anderen Aufgaben zu füllen. Wie genau sie ihre Tage verbringt, kann Tim Wilkins nicht sagen – er ist schließlich zu sehr damit beschäftigt, zu arbeiten. Und als er eines Tages früher als sonst aus dem Büro heimkehrt, steht ein Wagen auf der Straße, und seine Frau verlässt mit schweren Koffern beladen und wortlos das Haus, um sich zu dem Mann am Steuer zu setzen und aus Tims Leben zu verschwinden. Eine Woche später wird Tim Opfer der Finanzkrise und auf einmal findet er sich  mit Ende 40 alleine und arbeitslos in seinem Haus wieder. Nun muss er sich mit der Erkenntnis auseinandersetzen, dass sein Leben in den letzten Jahren irgendwie an ihm vorbeigerauscht ist und er sich nicht erklären kann, wie das passieren konnte.


Die Entscheidung zu treffen, sein Leben von Grund auf zu ändern, ist eine Sache. Sie in die Tat umzusetzen eine ganz andere, und ob Tim Wilkins in diesem Unterfangen mehr Erfolg hat als in seiner gerade gescheiterten Ehe, bleibe hier einmal dahingestellt. Um dies herauszufinden, muss man das Buch lesen. Mithilfe von Unmengen an Bier und Whisky, alten Freunden und jungen Frauen betäubt Tim seinen Schmerz, bis er schließlich den Mut aufbringt, sich der Frage zu stellen, welchen Anteil er selbst am Scheitern der Ehe hatte und wie genau seine Frau die letzten Jahre verbracht hat, in denen beide nebeneinander her lebten. Auch mit dem angespannten Verhältnis zu seinem Sohn Derek, das sich nicht durch regelmäßiges gemeinsames Golfspielen verbessern lässt, setzt er sich auseinander. Bei der Betrachtung seiner Rolle als Ehemann und Vater tastet er sich in seine Kindheitserinnerungen vor und denkt viel über den eigenen Vater nach, mit dessen Gürtel der junge Tim Wilkins häufig Bekanntschaft gemacht hat. Zögerlich analysiert er schließlich seine eigene Wut, die ihn manchmal heiß überkommt und in ihm den Drang weckt, blind zuzuschlagen.

Potente ist es gelungen, zwischen Handlung, Dialog und Beschreibung eine tolle Balance zu schaffen (und zu halten). Sie gesteht ihrem Charakter gerade das Maß an Selbstmitleid zu, das man als Leser tolerieren kann; dem Sohn so viel Wut auf den Vater, dass es glaubwürdig ist und eine Versöhnung zwischen den beiden doch nicht unmöglich scheint. Zugleich ist Tim Wilkins ein vielschichtiger Charakter, der sich einem plumpen Urteil entzieht und dem Leser abwechselnd Mitleid, Abneigung, Ekel und Bewunderung entlockt.

Stellenweise liest sich Potentes Buch wie ein Krimi  – atemlos liest man weiter um zu erfahren warum die enge Freundschaft zu einem benachbarten Ehepaar vor Jahren zerbrach, oder welches Unheil den Protagonisten als nächstes befallen könnte. An die eingeworfenen Phrasen in englischer Sprache muss man sich zunächst gewöhnen, doch später möchte man sie nicht mehr missen. Sie stören den Erzählfluss nicht, sondern reihen sich stattdessen mühelos in und zwischen die Sätze ein.

Ich danke dem Piper-Verlag für die Bereitstellung des Rezensions-Exemplares.

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