Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Ehemann verzweifelt gesucht

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Edith Wharton – The House of Mirth (Das Haus der Freude)

Lily Bart ist jung und schön. Sie ist eine charmante Gesprächspartnerin und vermag es, Männer jeden Alters scheinbar mühelos um den Finger zu wickeln. Verheiratet ist sie trotzdem noch nicht, und das ist ein Problem in diesem New York kurz vor Beginn des 20. Jahrhunderts. Denn Miss Bart ist immerhin schon 29 – ihr Debut liegt beinahe zehn Jahre zurück, und eine Heirat ist ihre einzige wirkliche Option. Verwaist nachdem den ehemals wohlhabenden Eltern das Geld abhanden gekommen ist, bewegt Miss Bart sich weiterhin unter den Superreichen hin und her, immer auf der Suche nach einem Ehemann, der ihr endlich wieder vollen Zutritt in diese Zirkel mit all ihren Möglichkeiten gewährt.

Ein perfektes Beispiel hierfür ist ihre Freund-Feindin Bertha Dorsett, die durch den Reichtum ihres Mannes finanziell abgesichert ist, und durch den schützenden Schild der Ehe trotz ausschweifender Affären keinerlei Tadel von der höheren Gesellschaft zu befürchten hat. Denn, so lautet die Devise, so lange ihr Mann sie gewähren lässt, muss sie im Recht sein. Wie anders ist da Lilys Situation, die nicht nur immer mehr von Geldsorgen geplagt wird, sondern sich permanent auch um ihren Ruf sorgen muss. Während Bertha ihren Liebhaber mit auf Reisen nimmt, stellt für Lily selbst ein rein platonisches Teetrinken mit einem unverheirateten Mann in dessen Wohnung eine Gefahr dar.

Eigentlich sehnt Lily sich sowohl nach dieser gesellschaftlichen Unantastbarkeit und noch viel mehr nach einem Leben ohne Geldsorgen. Sie will im Luxus schwelgen, sich nur mit Schönem und Kostbarem umgeben und Feiern veranstalten, von denen auch Monate später noch geschwärmt wird. Aber auch wenn ein großer Teil von ihr diesen Traum verfolgt, hadert ein anderer, sehr viel kleinerer, Teil mit diesem Leben. Und so geschieht es ihr unbewusst, dass sie Heiratsgelegenheiten regelmäßig ungenutzt verstreichen lässt um sich dann auf ein Neues in den Kampf um einen potentiellen Ehemann zu stürzen.

Als dieses Buch 1905 zum ersten Mal erschien, wurde es aufgrund seiner beißenden Kritik an den vorherrschenden Gesellschaftsverhältnissen heftig diskutiert. Die Geschichte der Lily Bart hielt den oberen Zehntausend einen wenig schmeichelhaften Spiegel vor, in dem Scheinheiligkeit, Gier und eine kaum auszuhaltende Oberflächlichkeit die Hauptrollen spielen. Nicht nur die vorherrschende Doppelmoral bezüglich verheirateten und unverheirateten Frauen sowie Frauen und Männern prangerte Wharton an, sondern auch die Aussichtslosigkeit vieler Frauen aus reichem Haus. Denn selbst nachdem Lily Bart sich dazu durchringt, zu arbeiten um Geld zu verdienen, muss sie schnell einsehen, dass sie hierfür einfach kaum geeignet ist:

„Since she had been brought up to be ornamental, she could hardly blame herself for failing to serve any practical purpose“.

Wharton, selbst in die höchsten Ränge der amerikanischen Gesellschaft hineingeboren, seziert ihr Umfeld genau. Die Charaktere des Buches mögen einen aufgrund ihrer Unausstehlichkeit und Überheblichkeit in den Wahnsinn treiben und das ist ihrer lebensechten Darstellung zu verdanken. Gut möglich, dass sich der eine oder andere Zeitgenosse Whartons in dem Buch wiedererkannt hat…
 
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