Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Traurig-schön

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Massimo Gramellini – Träum was Schönes
Ganz so federleicht wie der Klappentext verspricht, ist dieses Buch zwar nicht, doch es lässt einen nicht los und kann kaum zur Seite gelegt werden. Massimo Gramellini erinnert sich in diesem Roman an seine Kindheit. Mit neun Jahren wird er zur Halbwaise als seine Mutter in der Silvesternacht plötzlich und unerwartet stirbt. In seinem Kinderzimmer riecht er noch ihr Parfum und am Fußende des Bettes entdeckt er ihren Morgenmantel. Augenblicke vor ihrem Tod hat die Mutter ihren Sohn noch einmal zugedeckt und ihm zugeraunt, „Träum was Schönes, mein Kleiner“.

Das Verhältnis zwischen dem Kind und einem Vater ist kühl und von gegenseitigem Unverständnis geprägt. Dem Jungen fehlt die Wärme der Mutter und detailliert schildert Gramellini die Versuche, den Verlust zu kompensieren. Dabei beschränkt er sich nicht nur auf die Zeit seiner Kindheit sondern breitet mit schonungsloser Offenheit auch sein späteres Leben vor dem Leser aus. Und das ist ein ganz interessantes Leben: nach einem abgebrochenen Jurastudium wird er zunächst Fußballreporter und später Kriegsberichterstatter (Die Episode über seinen Aufenthalt in Sarajevo während des Bosnienkrieges ist in meinen Augen der stärkste Teil des Buches). Seine erste Ehe scheitert, das Verhältnis zum Vater bleibt kühl und die Beziehung zum einstigen Lieblingsonkel erkaltet mit den Jahren.

Die Art und Weise auf die Gramellini beiläufig Jahrzehnte verstreichen lässt hat dann doch wieder etwas Federleichtes an sich. Vierzig Jahre soll es dauern bis er endlich ganz genau erfährt unter welchen Umständen die Mutter ums Leben gekommen ist. Obwohl: „Ich wusste seit jeher, wie sie gestorben war, aber ich hatte augenblicklich beschlossen, es nicht wissen zu wollen“. Dem kann sich der Leser eigentlich anschließen. Träum was Schönes ist kein Buch zum Mitraten, das zum Schluss mit einem grandiosen, alles auflösenden, Finale aufwartet. Es ist vielmehr eine Art Selbstbetrachtung des Autors, der hier sein Trauma in schriftlicher Form noch einmal mit dem Leser durchlebt und aufarbeitet. Dabei urteilt er hart über sich selbst und die Menschen in seinem Leben, besonders die Männer. Insgesamt ist dieser Roman zum großen Teil die Abrechnung eines Sohnes mit seinen Eltern und mit seinem jüngeren Ich, wobei in machen Momenten die Selbstbemitleidung ein wenig Überhand nimmt.

Doch das ist nicht alles. Gramellini findet nämlich auch die Muße, der Komik von Alltagsmomenten Tribut zu zollen. So zum Beispiel dem sonntäglichen Fußball-Ritual. Vater und Sohn sind Anhänger des FC Turin und die Familie wohnt gegenüber dem Stadion. Jeden Sonntag erklärt der Vater dem Sohn beim Mittagessen, dass er es leid sei „seine Zeit und sein Geld zu verplempern für einen Haufen Stümper“ und dass er deshalb nicht mehr mit dem Sohn ins Stadion gehen werde. Und dann gehen sie doch. Jedes Mal.

Solche Momente und die Tatsache, dass Gramellini ganz offen über Selbstzweifel und Probleme spricht in denen sich jeder – ob nun Halbwaise oder nicht – das ein oder andere Mal wiedererkennen kann, machen das Buch trotz einiger Schwächen zu einem traurig-schönen Leseerlebnis.


Ich danke dem Piper Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

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