Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Von Ängsten, Wünschen und Hoffnungen

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Nagib Machfus: Die Midaq-Gasse

“Viele Zeugnisse sprechen dafür, daß die Midaq-Gasse zu den Kostbarkeiten vergangener Jahrhunderte gehört und einstmals in der Geschichte des mächtigen Kairo wie ein strahlender Stern geglänzt hat.“

Zum Zeitpunkt dieser Geschichte, Mitte der Vierziger Jahre des zwanzigsten Jahrunderts, hat die Midaq-Gasse ihre besten Zeiten bereits hinter sich. Der Putz blättert von den Wänden und ihre Anwohner wurschteln sich so gut es geht durchs Leben.
Zu den Bewohnern gehört zum Beispiel Meister Kirscha, dem das Kaffeehaus in der Gasse gehört, das langsam ebenso verfällt wie die Gasse die es umgibt. Vom vielen Haschisch träge geworden, hängt Kirscha abends meistens schlaff an der Kasse während sein Gehilfe die Gäste bedient. Unter den Gästen finden sich andere Bewohner der Gasse: Doktor Buschi, „Zahnarzt“, der den Gassenbewohnern zu ungewöhnlich günstigen Preisen goldene Gebisse einsetzen kann. Onkel Kamil, der Bonbonverkäufer, der den größten Teil des Tages vor seinem Laden vor sich hinschlummert und sich nur durch einen laut rufenden Kunden oder einen Scherz des jungen Friseurs Abbas al-Hilu aufwecken lässt. Dieser Abbas hat sein Herz an die schöne Hamida verloren, die sich natürlich als Frau nicht im Kaffeehaus blicken lässt, der er aber mit schmachtenden Blicken jeden Nachmittag folgt wenn sie zu ihrem täglichen Spaziergang aufbricht. Nur für sie wird Abbas seine geliebte Midaq Gasse verlassen und sich der britischen Armee verpflichten, sodass er eines Tages genug Geld hat um ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Hamida hat indes viel hochfliegendere Träume als einen kleinen Friseur zu heiraten. Immerhin ist ihre Ziehmutter auch als Kupplerin tätig, da sollte sich doch etwas einfädeln lassen? Besagte Ziehmutter ist jedoch zunächst einmal damit beschäftigt, der reichen und verwitweten Besitzerin ihres Wohnhauses, Frau Afifi, einen Ehemann zu besorgen. Bezahlen lässt sie sich diesen Dienst mit lebenslanger Mietfreiheit. Und dann gibt es auch noch Zita, ein Geschöpf der Nacht, der den Bettlern Kairos durch gezielte Verstümmelungen zu höheren Einnahmen verhilft. 

Machfus pendelt in seiner Erzählung zwischen den einzelnen Gassenbewohnern hin und her; Fixpunkt ist jedoch Hamidas Schicksal und – am Rande – das von Abbas. Behutsam und in bedächtigem Ton schildert Machfus ihre Geschichte und streut Episoden aus den Leben der anderen Anwohner ein. Auch die Umbruchstimmung der ägyptischen Gesellschaft in den Vierziger Jahren findet ihren Weg in die Geschichte. So wird der Leser Zeuge einer heftigen Debatte über die Vor- und Nachteile des Radios, und Abbas und Husain, Meister Kirschas Sohn, erhoffen sich durch Dienst bei der britischen Armee im Rahmen des zweiten Weltkriegs finanzielle und soziale Aufstiegschancen. Mehr als Hintergrundmusik ist das jedoch nicht; im Vordergrund stehen immer die Personen selbst mit ihren Ängsten, Wünschen und Hoffnungen.


 

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