Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Ein Buch zum bedächtigen Durchwaten

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Sten Nadolny – Die Entdeckung der Langsamkeit

Um die Jahrhundertwende vom 18. ins 19. Jahrhundert wächst John Franklin in der englischen Kleinstadt Spilsby auf. Er ist langsamer als die anderen Kinder, denn während sie alles im Ganzen wahrnehmen, konzentriert Franklin sich bei allem was er sieht auf einen bestimmten Aspekt und studiert diesen ganz genau. So bewegt er sich nicht nur langsam und schwerfällig, er spricht ebenso langsam und benötigt viel Zeit, um auf eine Situation zu reagieren. Die Spielgefährten hänseln ihn dafür; seine Familie schämt sich. Besonders der Vater ist dem ungeliebten Sohn gegenüber oft ungeduldig und grob. Dementsprechend wenig Unterstützung erfährt der Junge auch für seinen Traum, zur See zu fahren. Niemand scheint an ihn zu glauben. Außer Matthew. Der Verlobte von Franklins Tante schärft dem Jungen ein, dass er sich auf der weiterführenden Schule gut schlagen soll. Wenn er von seiner geplanten Entdeckertour der Terra Australis zurück ist und Franklin etwas älter, will er ihn auf seinem Schiff mitnehmen.

Dieses Versprechen bringt John Franklin durch die Schule. Er beginnt ein System zu entwickeln, mit dem sich seine Langsamkeit bis zu einem gewissen Grad verbergen lässt: Um schneller auf Fragen antworten zu können, prägt er sich Phrasen ein, die schnell erwidert werden können und den Gesprächspartner hinhalten während Franklin noch über die richtige Antwort nachdenkt. Auch seine Gedanken zu dem was er täglich an zwischenmenschlichem Verhalten beobachtet, schreibt er auf. Er entwickelt sein eigenes System um die Welt zu erklären – an Schnelligkeit und Langsamkeit gemessen. Zum Beispiel, so denkt sich John Franklin, ist es doch eigentlich so, dass ein Dieb im Leben lediglich nicht das richtige Tempo befolgt: Regeln und Gesetzen gehorcht er zu langsam, während er seine Wünsche (nach Nahrung oder Geld) zu schnell befriedigen will.

Nächtelang liegt John Franklin wach und lässt den Tag Revue passieren um sich Gesichter, Namen und Begriffe einzuprägen. Dabei kommt ihm zugute, dass er nie etwas vergisst. Das fällt Dr. Orme auf, dem Leiter der Schule, der sich fortan mit dem Schüler befasst und auch glaubt, dass er sich tatsächlich auf dem Gebiet der Seefahrt behaupten könnte. Matthew ist noch nicht zurück; man glaubt ihn verschollen, und dennoch kann John Franklin dank der Fürsprache Dr. Ormes zur See fahren. Vierzehnjährig kommt er zur Kriegsmarine – Napoleons Truppen müssen geschlagen werden. Der Krieg hinterlässt seine Spuren und später wird Franklin seinem alten Schulleiter anvertrauen: „Mit dem Krieg, da habe ich mich geirrt“, doch zugleich erlernt er hier das Segeln. Und vor allem beweist er allen, dass auch ein sehr langsamer Mensch ein guter Seefahrer sein kann.

Sten Nadolny erzählt die Geschichte des Nordpolarfahrers John Franklin (1786-1847). Daten und andere „harte“ Fakten hat er dabei auf wunderbare Art und Weise mit eigenen Gedanken und Ideen verwoben. Gekonnt hat er auch fiktive Personen in die Geschichte mit einfließen lassen. Jede dieser Figuren (ob real oder fiktiv) hat ihre Stärken und Schwächen, und diese Menschlichkeit macht es schwer, sie zu vergessen. So ist ein Buch entstanden, das man bedächtig durchwaten möchte und ein Protagonist, mit dem man so lange wie möglich verweilen will.

Lieblingssatz: „Ich habe gelernt, immer so lange dumm auszusehen, bis ich klug bin. Oder bis die anderen noch dümmer aussehen als ich.“

Übrigens: Wer die 2007er Ausgabe liest, dem sei Nadolnys Nachwort besonders ans Herz gelegt, in dem er von seiner Faszination mit der historischen Figur des John Franklin erzählt und beschreibt, auf welche Art und Weise er John Franklin schließlich aufs Papier gebracht hat.

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