Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Prinzipiell ein spannendes Thema…

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Tracy Chevalier: The Last Runaway (Die englische Freundin)

Honor Bright beschließt, ihr Leben zu ändern. Die junge Quäkerin, die in den 1850er Jahren behütet im englischen Dorset aufgewachsen ist, kann die mitleidvollen Blicke ihrer Gemeinde nicht mehr ertragen, nachdem ihr Verlobter die Verlobung aufgelöst und die Gemeinde verlassen hat um eine andere Frau zu heiraten. Da trifft es sich gut, dass ihre Schwester Grace sich auf den Weg nach Amerika macht um dort einen Mann zu heiraten, der vor einigen Jahren ausgewandert ist. Dieser Adam Cox führt mit seinem Bruder und dessen Frau einen Kurzwarenladen in Faithwell, Ohio.

Allerdings verläuft Honors Weg in ihr neues Leben nicht so wie geplant. Kaum in den Staaten angekommen, erkrankt Grace schwer und stirbt noch bevor die beiden Schwestern Ohio erreichen. Honor ist alleine in einer fremden Welt und versucht, sich zurechtzufinden, auch wenn die Weite und Wildnis Amerikas ihr Angst machen. Die Quäker-Gemeinden die sie auf dem Weg zu Adam Cox durchquert, nehmen die Glaubensschwester selbstverständlich auf, doch Honor leidet unter der empfundenen Oberflächlichkeit der Amerikaner („In general, though, I have found that American women seem to be interested in little other than themselves…“). Was für sie jedoch zu einem noch viel größeren Problem wird in ihrem Bemühen, sich an das amerikanische Leben anzupassen, ist die Sklavenfrage. Ohio selbst ist zwar kein Sklavenstaat und in Faithwells Nachbarort Oberlin gibt es eine kleine freie afroamerikanische Gemeinde. Allerdings ist es auch in Ohio erlaubt, entlaufene Sklaven einzufangen und zu ihren Besitzern in den Südstaaten zurückzubringen. Wer entlaufene Sklaven vor ihren Verfolgern schützt, macht sich laut eines kurz nach Honors Ankunft verabschiedeten Gesetzes strafbar. Aufgrund der Nähe zu Kanada kommen viele Entlaufende durch Ohio um es dann über die Grenze in die richtige Freiheit zu schaffen. Für Honor ist es eine Selbstverständlichkeit, dass jeder gute Quäker diesen Menschen helfen muss – so schreibt es ihr Glaube vor. Dass die Mitglieder ihrer neuen Gemeinde diese Auffassung nicht zu teilen scheinen, schockiert sie. Und dass sie in dieser Frage auf Verständnis bei Menschen außerhalb ihrer Gemeinde trifft, zwingt sie, ihre Weltanschauung im Hinblick auf Quäker und Nichtquäker zu überdenken.

Laut Rose Tremain ist dieses Buch das Beste, das Chevalier seit Girl With a Peal Earring („Das Mädchen mit dem Perlenohrring“) geschrieben hat. Ganz so ist es allerdings nicht. Das moralische Dilemma in dem sich Honor Bright findet, ist zwar prinzipiell ein spannendes Thema, und einige der auftretenden Personen – zum Beispiel die Hutmacherin Belle Mills – sind bemerkenswerte Charaktere. Doch Chevalier schafft es nicht, das volle Potenzial des Themas und der Figuren auszuschöpfen. Nach einem plötzlichen und spektakulären Showdown lässt sie die Geschichte kraftlos im Sande verlaufen.

Trotzdem macht es Spaß, das Buch zu lesen. Die Vergleiche zwischen der englischen und der amerikanischen Landschaft und den Leuten, oder die vorsichtig-verabscheuende Beschreibung der amerikanischen Küche tragen hierzu ebenso bei wie die Auftritte von Belle Mills. Und wer ein Faible für fiese Schwiegermütter hat, wird ebenfalls belohnt. Rundum ein nettes Buch, das einfach noch so viel mehr könnte, wenn Chevalier gewollt hätte.

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