Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Nicht alles kann nach Plan verlaufen

Hinterlasse einen Kommentar

David Bezmozgis: The Free World (Die freie Welt)

Es ist ein Sommer Ende der 1970er Jahre, und die Familie Krasnansky sitzt in Rom fest. Der Sowjetunion entflohen, sind sie nun in Italien gestrandet und möchten eigentlich in die USA. Sie sind nicht alleine – tausende andere Juden aus der Sowjetunion befinden sich in sehr ähnlicher Lage. Manchen gelingt die Durchreise überraschend schnell, andere warten bereits seit einem Jahr und länger auf Visa für ihre neue Heimat: die USA, Kanada, Australien, Israel.

Die Krasnanskys – das sind Emma und Samuil, dekorierter Kriegsveteran und ehemals recht hochrangiges Parteimitglied mit schwachem Herzen, der sich dem Kommunismus viel verbundener fühlt als dem Judentum und der wider seinen Willen mit seiner Frau Emma und seinen beiden Söhnen und Enkeln ausgewandert ist. Samuils Söhne Karl und Alec versuchen nach Möglichkeit den Widerwillen des Vaters zu ignorieren, und ihren immer länger werdenden Aufenthalt in Rom so gut es geht zu meistern. Ähnlich sind sie ihrem Vater nur in ihrer Abneigung gegen Religion. Karl ist überzeugter Kapitalist, der sich innerhalb kürzester Zeit in die verschiedensten legalen und illegalen Geschäfte einbringt um Geld zu verdienen. Alec ist die meiste Zeit damit beschäftig, seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Dann sind da Karls Frau Rosa und ihre und Karls Söhne. Außerdem Alec mit seiner neuen Frau Polina, um die sich in der ganzen Familie nur ihre Schwiegermutter Emma kümmert, und die noch damit kämpft, mit ihrer eigenen Familie gebrochen und ihren ersten Mann verlassen zu haben, um mit Alec ein neues Leben in der Fremde zu beginnen.

Eigentlich ist kein langer Aufenthalt in Rom geplant; eine Sponsorin für ihr Visum in den USA steht fest, doch in Rom erhält die Familie die Nachricht, dass die Sponsorin es sich anders überlegt hat.  Karl beschließt, dass die Familie vielleicht doch besser in Kanada aufgehoben wäre: „It’s more European than America, and more American than Europe [which means], that a person can eat and dress like a human being, watch hockey, and accomplish all this without victimizing Negroes and Latin American peasants.” Das Problem mit diesem neuen Ziel ist, dass Kanada nur gesunden Einwanderern Visa anbietet, und Samuils Herzprobleme und diverse Kriegsverletzungen verlangsamen ihren Antrag ungemein.

Bezmozgis schildert das Leben der Familie in Rom und konzentriert sich dabei besonders auf Samuil, Alec und Polina. Während die anderen Familienmitglieder zum Teil nur schemenhaft gezeichnet werden, erweckt er diese drei zum Leben und lässt jeden von ihnen seine eigene Geschichte erzählen. So wird schrittweise deutlich, welche Erlebnisse Samuil vor Jahrzehnten zum überzeugten Kommunisten gemacht haben, und wie Polinas Lebens aussah bevor Alec ein Teil davon wurde. Alec bleibt trotz dieser Sonderbehandlung merkwürdig blass und vielleicht wäre es für das Buch besser gewesen, den Fokus mehr auf Karl als auf seinen jüngeren Bruder zu legen. Insgesamt ist das Buch dennoch gelungen und beleuchtet einen faszinierenden Abschnitt europäischer Geschichte.

Lieblingssatz: „One has to remember to rejoice – especially when everything is not going quite according to plan“
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s