Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Zwei Außenseiter

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Jacques de Lacretelle: Silbermann

Die Schulferien sind aus und der Erzähler des Buches beginnt sein neuntes Schuljahr am Lycée. Er ist Sohn eines Richters, der verzweifelt versucht, seinen gesellschaftlichen und beruflichen Aufstieg in der Pariser Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts voranzutreiben. Die Mutter des Jungen unterstützt ihren Mann in diesem Bestreben und ist zugleich darauf bedacht, dass ihr Sohn es einmal weiter bringen soll. So ist sie erleichtert, dass ihr Sohn sich vor einiger Zeit schon mit einem Klassenkameraden angefreundet hat, dessen Vater ein bedeutender Notar ist. Eine solche Verbindung kann einen schließlich weiterbringen. Doch in diesem Herbst, als die Schule wieder beginnt, bemerkt der Erzähler, dass er eigentlich mit diesem Philippe nicht sehr viel gemeinsam hat. Der erzählt angeregt von seinem Onkel, der Mitglied der Français de France ist, einer nationalen Front, deren erstes Ziel es ist, gegen die französischen Juden vorzugehen.

Beseelt von dieser Einstellung seines Onkels macht Philippe seinen Freund voller Verachtung auf einen neuen Mitschüler aufmerksam: David Silbermann, der eine Stufe übersprungen hat, und nun versucht, sich als Neuling in den Klassenverband einzureihen. Von allen Seiten schlägt ihm Ablehnung entgegen und die Lehrer bemühen sich kaum, dem unverhohlenen Antisemitismus der Schüler einen Riegel vorzuschieben.

Einzig der Erzähler interessiert sich für Silbermann und aus einer zufälligen Begegnung im Park entwickelt sich eine Freundschaft, die den Erzähler ebenso wie Silbermann zum Außenseiter in seiner Klasse werden lässt. Durch den kindlichen Erzähler wirkt die Geschichte umso eindringlicher auf den Leser. Die Sprache ist klar und schnörkellos und besticht ganz besonders durch einige Monologe Silbermanns, die den in Europa seit Jahrhunderten verbreiteten und zum Zeitpunkt der Handlung wieder erstarkenden Antisemitismus mit scharfsinnigen Einsichten auf den Punkt bringen. Die Figuren bestechen durch ihre Zerbrechlichkeit und ihre Imperfektion: Silbermann, als tragischer Antiheld, dessen Schwächen von Lacretelle ebenso scharf gezeichnet werden wie seine Stärken, und sein Freund, dessen Bewunderung  für den viel beleseneren Freund teilweise durch Selbstmitleid ersetzt wird, wenn er sich seine Situation vor Augen führt.

Geschrieben wurde der Roman 1922 und erregte so viel Aufsehen, dass Lacretelle schlagartig zu schriftstellerischem Ruhm gelangte und bereits wenige Jahre später in die Académie Française eingeführt wurde. An vielen französischen Schulen ist das Buch zur Pflichtlektüre erklärt worden und das ist vielleicht gar nicht schlecht, denn dieses Buch sollte man gelesen haben.

Lieblingssatz: „Ich hatte die hinfällige Beschaffenheit dieses reinen Gesichts erkannt, und nun begriff ich, daß es keine Seele gibt, so tugendhaft sie auch sei, so angespannt sie auch nach Heiligkeit streben möge, die sich über die menschliche Unzulänglichkeit erheben könnte.“
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