Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Trauerbewältigung

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Dea Loher: Bugatti taucht auf

1913-16: Rembrandt Bugatti, Bruder des berühmten Autobauers, führt Tagebuch während er an Tierskulpturen für den Zoo arbeitet. Ein melancholischer Mann, voll Selbstzweifel, der höchst lakonisch von den Eigenarten seiner Umgebung erzählt und auf wenigen Seiten dem Leser ans Herz wächst. Viel zu schnell, scheint es, kommt dieser erste Teil des Buches zu einem Ende und Dea Loher setzt erneut an.

2008: Es ist Fasnacht in Locarno. Valon, Ilija und Branko lassen sich durch die Menschenmassen treiben, trinkend, redend, wieder trinkend. Es kommt zu einem Missverständnis zwischen einem der drei und einem anderen Jungen. Der Streit droht zu eskalieren, andere Jugendliche schalten sich ein und versuchen, die Betroffenen zu beschwichtigen. Zunächst scheinen sie Erfolg zu haben, doch zum Schluss liegt einer der Schlichter, Luca, tot auf dem Boden. Dieser zweite Teil der Geschichte ist völlig unbeteiligt und faktenfixiert gehalten – der Leser hört die Geschichte so, wie die ermittelnden Polizeibeamten sie wohl zu hören bekämen. Aussagen werden gemacht, zurückgezogen, und in veränderter Form wieder gemacht und keiner der direkt und indirekt Beteiligten hat das Selbe gesehen. Man muss sich selbst ein Urteil bilden so gut es eben geht.

Später: Jordi, ein Freund von Lucas Familie, erfährt vom Tod des Jungen während er gerade durch Venezuela reist. Tief erschüttert und wie unter Schock kehrt er sofort nach Hause zurück. Seine Art der Trauerbewältigung zeichnet Loher ganz behutsam und detailliert nach. Die Besuche im Haus von Lucas Eltern. Die Besuche bei seinen eigenen Eltern, der Vater todkrank. In Jordi reift die Idee, etwas Verrücktes zu machen, etwas, um irgendwie ein Zeichen der Erinnerung an Luca zu setzen. Angeblich liegt ein alter Bugatti auf dem Grund des Sees. Jordi beschließt, den Wagen zu bergen: „Ein ertränktes, versenktes Auto für einen erschlagenen, zu Tode getretenen Jungen.“  Was danach mit dem Wagen geschehen soll, will er sich später überlegen. Er stürzt sich auf und in dieses Projekt. Der Boden des Sees ist tief, das angebliche Autowrack völlig von Sand begraben, sodass die Aktion behutsam geplant und durchgeführt werden muss und einige Monate in Anspruch nimmt. Währenddessen geht das Leben weiter.

Der Erzählton, besonders im zweiten, den Mord erzählenden, Teil, ist sachlich und aufs Wesentliche beschränkt, was die Traurigkeit und Sinnlosigkeit des Ereignisses noch unterstreicht. Erst im dritten Teil kehren wirkliche Emotionen zurück. Ausgedrückt werden sie dabei immer nur direkt durch die Personen, entweder durch das was sie sagen oder tun. Die Erzählstimme hält sich emotional sehr zurück. Überhaupt liegt die Stärke des Buches in den Dialogen und Handlungen der Charaktere, was durchaus damit erklärt werden könnte, dass Dea Loher sich in der Vergangenheit besonders als Dramatikerin hervorgetan hat. Insgesamt ist Bugatti tauch auf ein aufwühlendes Buch, das jedoch auf der Bühne vielleicht noch ein bisschen mehr Wucht entfalten könnte als in Buchform.

Lieblingssatz: „Die Zeit ist mir das Wertvollste.“

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