Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Die vier Söhne des Assen Weltschev

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Vladimir Zarev: Familienbrand

Bulgarien, zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts: in dem kleinen, an der Donau gelegenen, Städtchen Widin segnet der alte Assen Weltschev bereits auf den ersten Seitens des Romans das Zeitliche. Vier Söhne und eine Tochter hinterlässt er:

Da ist Jordan, sein Ältester, mit Stiernacken und unbeugsamem Willen ausgestattet, der die väterliche Kneipe erbt. Glücklich ist er mit dieser Aufgabe nicht, will er doch etwas ganz Eigenes aufbauen, doch eine tiefe Melancholie, die ihn zeitweise einholt, scheint dies kaum zuzulassen.

Christo hingegen kann Gitarre spielen, hat eine schöne Singstimme, und diskutiert im örtlichen Esperanto Club darüber, wie eine bessere Welt zustande kommen könnte. Wäre der Lauf der Dinge immer gerecht, so müsste ihm von allen Geschwistern die hellste Zukunft beschieden sein.

Panto ist ein Schönling, mit engelsgleichem Gesicht und kultiviertem Auftreten. Mit dem Geld seiner reichen und hässlichen Frau Gina hat er eine Bank eröffnet, obwohl er doch weder Interesse an, noch Talent für Zahlen hat. Gina verachtet ihn deshalb fast so sehr, wie sie sich selbst dafür verachtet, diesen Mann nur seiner Schönheit wegen geheiratet zu haben.

Ilja, der jüngste Sohn, spürt wie sein Bruder Jordan den Drang in sich, etwas Eigenes zu schaffen. Zunächst jedoch soll er dem älteren Bruder lediglich dabei helfen, die Kneipe weiterzuführen. Solange Jordan die Rolle des Familienoberhauptes einnimmt, scheint für Ilja nur ein Dasein im Schatten seines Bruders möglich zu sein, und verbissen wartet er auf seine Chance sich zu behaupten.

Assens Tochter Jonka, die mit ihrem Mann Todor kinderlos geblieben ist, hat sich dem Alkohol und dem Wahrsagen verschrieben. Sie und ihre Mutter Petruniza versuchen außerdem nach Leibeskräften, die Familie zusammenzuhalten, und die Weltschev-Männer vor ihrem Selbstzerstörungsdrang zu bewahren, der in jedem einzelnen von ihnen schlummert, und sich früher oder später seine Bahn bricht.

Zarev folgt abschnittweise jedem dieser Kinder des alten Assen. Obwohl sie alle in einem kleinen Städtchen wohnen, kreuzen sich ihre Wege nur selten, denn jeder will auf ganz eigene Art seinen Abdruck in dieser bulgarischen Provinz hinterlassen. Ganz unterschiedlich sind sie auch vom Ausbruch und Verlauf des Balkankrieges und des Ersten Weltkrieges betroffen, genau so wie ihre Söhne wiederum im zweiten Teil des Buches ganz unterschiedlich den Zweiten Weltkrieg durchleben.

Die Mitglieder der Familie Weltschev bewohnen diese Geschichte nicht alleine. Um sie herum wuseln und wurschteln auch andere, von denen einige größere, andere kleinere Rollen im Verlaufe der Erzählung spielen. Sie alle machen den Charme dieses Buches aus. Und daran mag es auch liegen, dass Zarevs Erzählung im letzten Drittel im Ton umschlägt. Die Enkel des alten Assen suchen Jahrzehnte nach dessen Tod ihr Glück nämlich nicht mehr in Widin, sondern in der Hauptstadt Sofia, und in der Anonymität der Großstadt gehen diese Charaktere leider unter. Diese Schwäche, und auch die mäandrierende Länge zum Ende des Buches hin, werden durch die ersten zwei Drittel jedoch mehr als aufgewogen.

Lieblingssatz: „Ihr Leben glich einem Wassertropfen, der mit der Zeit spurlos und unbetrauert verdunsten würde.“
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