Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Buch-Perlen

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In Joris-Karl Huysmans Gegen den Strich, schwelgt der Protagonist, der Aristokrat Des Esseintes, im Luxus. Besonders seine Sammlung kostbarer Bücher fasziniert ihn. Die Schriften, die ihm außerordentlich inspiriert erschienen, hat er von Kunsthandwerkern aus ganz Europa zu ganz eigenen Büchern setzen und binden lassen:

„Auf diese Art war er zu einzigartigen Büchern gekommen, zumal er ungebräuchliche Formate anfertigen und sie … in untadelige Einbände aus alter Seide, genarbtem Rindsleder oder afrikanischem Ziegenleder binden ließ, entweder glatt, mit Golddruck oder Mosaiken, in Seide oder Moiré, die wie Kirchenbücher mit Schließen und Ecken verziert, manchmal sogar … mit mattem Silber und leuchtendem Email ausgelegt waren.“

Des Esseintes will sich nur mit Schönem umgeben, und dazu gehören auch diese Bücher. Nun müssen es nicht immer Sonderanfertigungen in verschiedenen Lederarten sein; auch andere Bücher können einfach „schön“ sein, ein Trumpf, den das papierne Buch dem E-Book gegenüber wohl immer im Ärmel halten wird. Diese Bücher wollen Paradeplätze im Regal und sie schreien danach, wieder und wieder hervorgeholt zu werden, damit man darin schwelgen kann. Die besonderen Exemplare dieser Art warten nicht nur mit netten Bildern oder außergewöhnlichen Formaten auf, sondern behandeln dabei auch noch Themen, die zum Tagträumen und Philosophieren anregen, und die völlig neue Interessengebiete aufzeigen, oder bis dato unbekannte Leidenschaften entfachen.

Hierzu gehört die neue Ausgabe der Enzyklopädie von Diderot, welche der Verlag „Die andere Bibliothek“ nun veröffentlicht hat (ISBN: 978-3-8477-0013-5). Diese Ausgabe, editiert von Anette Selg und Rainer Wieland, gibt nicht die komplette Enzyklopädie wider, die auf über 7000 Seiten mit Artikeln von Voltaire, Diderot, Rousseau, D’Alembert und vielen anderen, das Wissen ihrer Zeit bündelte. Dieses „Maschinengewehr der Aufklärung“, das 1772 nach fünfundzwanzigjähriger Arbeit fertiggestellt wurde, sollte dazu dienen, „die auf der Erdoberfläche verstreuten Kenntnisse zu sammeln, das allgemeine System dieser Kenntnisse den Menschen darzulegen, mit denen wir zusammenleben, & es den nach uns kommenden Menschen zu überliefern, damit die Arbeit der vergangenen Jahrhunderte nicht nutzlos für die kommenden Jahrhunderte gewesen sei…“ Man könnte sagen, das Wissen aus dem 18. Jahrhundert sei auf den meisten Wissensgebieten längst überholt, doch Selg und Wieland haben besonders die Begriffe in ihrer Edition verwendet, die eben nicht völlig veraltet sind. Darüber hinaus sind die Texte keine kurzgefassten Definitionen, wie moderne Enzyklopädien sie bieten, sondern vielmehr philosophische Abhandlungen und Gedankenexperimente. So findet sich zum Beispiel eine Definition des Begriffes „Menschlichkeit“ („ein Gefühl des Wohlwollens für alle Menschen…), oder Abhandlungen auf neun Seiten zum Begriff „Frau“ („Wer vermag die Frauen zu definieren? Zwar spricht alles in ihnen, aber in einer zweideutigen Sprache…“).

Angereichert wird das Buch durch eine Auswahl der Kupferstichen, die für die Originalausgabe angefertigt wurden, um das Wissen der Zeit in Wort und Bild festzuhalten. Eine umwerfende Fundgrube philosophischer Perlen.

Fast noch schöner, wenn auch weniger philosophisch, ist das Buch Japanese Dream aus dem Hatje Cantz Verlag (ISBN: 978-3-7757-3437-0). Ähnlich der Enzyklopädie wird hier ein Moment der Weltgeschichte festgehalten – dieses mal allerdings fast ausschließlich in Bilderform (Fotos). Inspiriert vom regen Interesse in Europa an der japanischen Kultur, begann in den 1860er Jahren eine Produktion und Vermarktung von Japanbildern. Ein besonders erfolgreicher Fotograf dieser Zeit, Felice Beato, veröffentlichte 1868 einen Bildband, aus dem zahlreiche Bilder großformatig in dieses Buch übertragen wurden. Die hier dargestellten Szenen  – Landschaftsbilder, intime alltägliche Bräuche, oder festliche Zeremonien – wurden von Beato und seinen Zeitgenossen aufwendig handkoloriert, was sie noch träumerischer erscheinen lässt, als sie vielleicht in reinem schwarz-weiß wären. Die Bildern wirken fast textfrei – neben einer kurzen Einleitung wird der Bilderreigen nur durch die Übersetzungen japanischer Gedichte unterbrochen, die auf das Dargestellte Bezug nehmen. So wunderschön, dass nicht nur Japan-Fans ins Schwärmen und Schwelgen geraten.  

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