Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Amerika ein Ort der Cowboys, der Mond deutsche Kolonie

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9adab-kometHannes Stein: Der Komet

Was wäre eigentlich wenn…? Wenn zum Beispiel der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand damals in Sarajewo nach dem ersten gescheiterten Attentatsversuch einfach nach Hause gefahren wäre? Hannes Stein hat sich auf diese Frage eine grandiose Antwort einfallen lassen, die ja eigentlich auch völlig logisch ist: Amerika bleibt ein Ort voller Hinterwäldler und Cowboys, und die k. u. k. Monarchie Österreich-Ungarn ist Weltmacht, mit einem Kaiser an der Spitze, der leider nicht ganz so charmant ist wie seine deutsche Kollegin in Berlin.


Der Mond ist deutsche Kolonie, die Briten beherrschen ein Reich in dem die Sonne nie untergeht, und die Republik Frankreich hat soeben den ersten schwarzen Präsidenten gekürt, der aus den französischen Kolonialgebieten stammt. Bewegung kommt in die ganze Situation als Dudu Gottlieb, seines Zeichens k. u. k. Hofastronom, in dringender Mission auf den Mond gerufen wird, wo er tatsächlich seinem Hamburger Kollegen recht geben muss – ein Komet rast auf die Erde zu, und wird in wenigen Monaten ganz in der Nähe von Wien einschlagen, eine Eiszeit auslösen, und sich auch für das Ende der Menschheit verantwortlich zeichnen. Während sich der Astronom auf dem Mond aufhält, beginnt seine Gattin eine Affäre mit dem jungen Studenten Alexej von Repin, einem verarmten russischen Adeligen, der sein Glück kaum fassen kann.

Auch einigen anderen Personen folgt Stein in seiner Geschichte einige Schritte – so zum Beispiel dem Psychoanalytiker Dr. Anton Wohlleben, der sich mit einem merkwürdigen Patienten konfrontiert sieht: in nächtlich wiederkehrenden Träumen sieht dieser Patient nämlich ein Europa, das „von einem oder zwei (warum nicht gleich drei oder vier?) Kriegen verwüstet“ wurde. Die Kultur liegt „in rauchenden Trümmern, der Kaiser residiere nicht mehr in Schönbrunn“… unvorstellbar. Dr. Wohlleben bedrücken die Beschwerden dieses Patienten ungemein. Wer kann sich so etwas nur ausdenken?

Das Buch beginnt langsam (quasi mit wienerischer Gemütlichkeit): zum einen muss man sich an den gemächlichen Erzählton gewöhnen, zum anderen scheint es, als wolle Stein den Leser nicht direkt zu Beginn mit zu vielen Einfällen bedrängen. Mit jedem weiteren Kapitel dann reihen sich die Anspielungen und alternativen Verläufe der Weltgeschichte dichter aneinander. Wer fürchtet, in diesem Dickicht unterzugehen, dem gibt Stein ein Glossar an die Hand, in dem er den tatsächlichen Verlauf der Ereignisse darstellt.  

Insgesamt regt diese alternative Weltgeschichte teils zum Schmunzeln, teils zum Nachdenken an und wer sich wirklich drauf einlässt, der muss stellenweise laut lachen.
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