Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

„Wie weit sind wir gesunken?“

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Walter Kempowski: Schöne Aussicht

Schöne Aussicht ist der zweite Roman in einer Reihe von Büchern, die die Geschichte der Familie Kempowski erzählt und so das ganze 20. Jahrhundert umspannt. Man muss den Vorgänger, Aus großer Zeit, nicht gelesen haben um sich hier zurechtzufinden.

Der erste Weltkrieg ist vorbei, und Karl Kempowski und seine Frau Grethe genießen ihr junges Eheglück. Weniger genießt Karl die Zeit in der Reederei seines Vaters, wo die Kollegen ihn nicht ganz ernstnehmen und in ihm nur Papas Sohn sehen: „Wenn Karl das Kontor verläßt, fällt das Wort ‚Dämellack‘ oder ‚Dämelklaas‘ deutlich hörbar, dagegen kann man nichts machen“.

Auch der Vater schenkt seinen Geschäftsideen nur wenig Beachtung. Was ihn allerdings sehr wurmt ist die Tatsache, dass der Sohn mit seiner jungen Frau aufgrund der allgemeinen Wohnungsnot, nur eine kleine Wohnung vor den Toren der Stadt ergattern konnte. Hat man so was schon gehört? Ein Kempowski vor den Toren der Stadt – „Wie weit sind wir gesunken?“

Doch es könnte schlimmer sein. Zwar regt man sich furchtbar über die Sozialdemokraten und die Kommunisten auf, doch besser als die Nationalsozialisten („proletarisches Gesindel“) sind sie allemal. Allerdings achten Grethe und Karl mit Fortschreiten des Buches und der zwanziger Jahre langsam mehr auf das, was sie in bestimmten Abendgesellschaften von sich geben.

Kempowski bleibt seinem Erzählton aus dem vorangegangenen Buch  zum größten Teil treu – zeitweise gibt der Erzähler Sprichworte, Reime und Lieder zum besten, ehe er den Erzählstrang wiederfindet. Was hier fehlt, sind die seitenlangen Erinnerungen von ehemaligen Nachbarn und Hausangestellen der Familie Kempowski. Wenn Erinnerungen hervorgeholt werden, dann sind das in der Regel kurze Andeutungen an Ereignisse aus dem vorangegangenen Buch. Dabei versteht Kempowski es allerdings, sie eben genau so anzudeuten, dass diejenigen, die den Vorgäger nicht kennen, sich etwas vorstellen können, und dass denjenigen, die es gelesen haben, nicht langweilig wird.

Schöne Aussicht ist eine gelungene Fortsetzung der Chronik, auch wenn das Buch zuweilen wegen Karls umständlicher Art ein wenig behäbig wirkt. Insgesamt ein interessantes Panorama Deutschlands zu Zeiten der Weimarer Republik und der ersten Hitlerjahre. 

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