Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Pension mit Meerblick

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Alessandro Baricco: Oceano Mare
Irgendwo in der Welt steht, mit Blick auf das Meer, die Pension Almayer. Wer sie betritt, trifft auf Dira, ein zehnjähriges Mädchen, dem nichts entgeht, und das die einzelnen Gäste willkommen heißt. Hat man sich in das Gästebuch eingetragen und frische Handtücher von Dira erhalten, geht es auf in das zugeteilte Zimmer. Gut möglich, dass hier Dood sitzt, der Junge der praktisch zum Mobiliar gehört, und gerne stumm auf der Fensterbank sitzt und auf das Meer hinausschaut. Manchmal steht auch Ditz vor einem, der Junge, der auf Wunsch Träume schenken kann. Und dann ist da noch Dol, der abends mit dem Ruderboot hinausfährt und den Maler Plasson abholt.

Verglichen mit den Gästen der Pension Almayer ist diese Kindergruppe fast unscheinbar. Sie gehören eben zu der Pension „wie das Mobiliar“. Die Besucher, allesamt ein wenig wirr, sind alle in der Pension weil sie dem Meer nahe sein wollen. Die Gründe für diese Sehnsucht sind allerdings so vielfältig wie die Marotten der einzelnen Gäste.

Plasson, der Maler, steht jeden Tag am Strand und versucht, die Vollkommenheit des Meeres malerisch einzufangen. Dabei bleiben die Leinwände fast immer ganz weiß, denn anstatt in Farbe, tunkt er die Pinsel in Meerwasser. Jeden Abend erwartet er die Flut am Strand, und wenn ihm das Wasser bereits bis zur Brust steht, holt Dol ihn mit dem Ruderboot ab und bringt ihn zurück in die Pension.

Elisewin, die nervöse Tochter des Barons von Carewall, die sich als Kleinkind einmal vor einer plötzlich auffliegenden Taube so erschreckt hat, dass sie seit dem im heimatlichen Schloss nur über weiße Teppiche laufen kann und kreisrunden Wegen im Park folgt. Zur Heilung wird der nun Sechzehnjährigen empfohlen, das Meer aufzusuchen.

Bartleboom, der Professor, der an seiner „Enzyklopädie der in der Natur nachweisbaren Grenzen unter zusätzlicher Berücksichtigung der Grenzen der menschlichen Fähigkeiten“ arbeitet. Da der Strand die Grenze des Meeres markiert, verbringt er viel Zeit dort. Nebenbei ist er auf der Suche nach der Liebe seines Lebens.

Ann Deverià schließlich ist nicht auf der Suche nach Liebe, sondern soll vielmehr von ihr genesen. Nach einer außerehelichen Affäre hat ihr Mann sie in die Pension Almayer verbannt, damit sie dort ihren Geliebten vergisst.

Weitere, ähnlich kauzige, Gäste komplettieren die Runde in der Pension. Wie auch in Land aus Glas wechselt Baricco hier zwischen ausführlich erzählten Episoden und knappen Momentaufnahmen hin und her. In einer tollen Sprache und mit nicht enden wollendem Einfallsreichtum zaubert er Figuren und Ereignisse hervor.

Oceano Mare ist ein maritimes Märchen voll verschrobener Figuren, das Meeresgelüste weckt und Träume schenkt.
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