Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Ein unterhaltsames Schauspiel absoluter Dekadenz

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Joris-Karl Huysmans: Gegen den Strich
Der Aristokrat Des Esseintes ist unzufrieden mit der Welt, denn schließlich hat er festgestellt, dass sie „zum großen Teil aus Gaunern und Dummköpfen besteht“. Also beschließt er, sich von der Welt abzuwenden und sich eine Arche der Ruhe zu schaffen, wo er „in endgültiger Seelenruhe baden wollte“. Huysmans beschreibt genüsslich, wie sich der weltenmüde Adelige bemüht, einen Ort zu kreieren, der den höchsten ästhetischen und intellektuellen Ansprüchen genügen soll.

Dazu gehört auch eine ganz besondere Wandtapezierung: die Wände sollen Bucheinbänden gleich verkleidet sein, mit grobkörnigem Maroquin und afrikanischem Leder. Seine Buchliebhaberei treibt ihn auch dazu, besondere Werke frühchristlicher und mittelalterlicher Autoren zu sammeln, die er zum Teil für seine persönliche Sammlung auf wertvollem Papier setzen lässt und mit kostbaren Einbänden versieht. Das Papier, das er sich von einem Fabrikant in Lübeck herstellen lässt, ist bläulich leuchtend und statt von Fasern von Goldpailletten durchzogen.

Neben den kostbaren Büchern sollen tropische, teure Pflanzen sein neues Haus schmücken, und das obwohl Des Esseintes ja eigentlich davon überzeugt ist, dass die Natur dem Werk des Menschen in jeder Hinsicht unterlegen ist. So lässt er sich eingehend beraten und wählt bewusst eben solche Blumen aus, die durch menschliche Manipulation verändert worden sind, die also in seinen Augen perfektioniert worden sind, und so seinen ästhetischen Ansprüchen genügen.

Huysmans bietet ein unterhaltsames Schauspiel absoluter Dekadenz und bedient sich dabei einer wunderschönen Sprache. Die wahnwitzigen Einfälle von Des Esseintes allein sind unterhaltsam genug, sodass dieses Buch fast ohne Dialoge auskommt. Von einigen Rückblicken abgesehen, geschieht bis zum Ende auch nicht viel – Huysmans und der Leser geben sich gemeinsam mit Des Esseintes seinem kapriziösen Hang zum Ästhetizismus und philosophischen Ausschweifungen hin. Die gelungene Kombination aus absurden Einfällen und toller Sprache macht Gegen den Strich zu einem absolut irren Buch.

Übrigens: Die Marotten des Protagonisten dienten Oscar Wilde als Inspiration für seinen Dorian Gray. 

Und: Wer Spaß an Des Esseintes Marotten hat, der könnte auch Hadrian etwas abgewinnen in Marguerite Yourcenars Ich zähmte die Wölfin.

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