Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Alpiner Western

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Thomas Willmann: Das finstere Tal

Ein Dorf in einem abgeschiedenen Alpental birgt ein Geheimnis. Kurz vor Wintereinbruch in einem Jahr des ausgehenden 19. Jahrhunderts erscheint ein Fremder in dem Tal. Er stellt sich mit dem Namen Greider vor und bittet um Unterschlupf für den Winter, den er zum Malen nutzen möchte. Die Dörfler begegnen ihm abweisend, wollen ihn des Tales verweisen, denn Fremden gegenüber ist man hier oben misstrauisch:

„Es war ein Ort, der sich selbst genügte, der kein Außen duldete. Er wehrte sich nicht gegen Besucher – aber er schloss hinter ihnen sofort wieder den Durchlass zu jeder anderen Welt. Wer hierherkam, den verleibte er sich ein.“

Einer der Dörfler fordert den Fremden schließlich zum Bleiben auf. Schnell wird klar, dass dieser Mann und seine fünf Brüder das Sagen haben in dem Tal. Es sind die Söhne des Bauern Brenner, der das fruchtbare Tal vor Jahrzehnten entdeckt hat und dessen Hof am Ende des Tales liegt. Sie beschließen, dass eine im Dorf lebende Witwe und ihre Tochter dem Mann für den Winter Unterschlupf gewähren sollen.

Als der Winter einbricht, macht der Schnee einen Abstieg aus dem Hochtal unmöglich, und die Gemeinschaft ist abgeschotteter als je zuvor. Greider macht das nichts aus; er scheint sich im Gegenteil darüber zu freuen. Weiterhin zieht er seine Runden durchs Tal um Zeichnungen anzufertigen.
Plötzlich ereilt Brenners Söhne eine Serie von Unglücksfällen und einer nach dem anderen stirbt eines gewaltsamen Todes. Nach dem zweiten Todesfall beginnt Willmann, den Leser schrittweise in die Geheimnisse des Tales einzuweihen.

Das finstere Tal beginnt fast harmlos. Da gibt es einige Andeutungen und Zeichen, die leise ein ungutes Gefühl im Leser auslösen mögen, doch Willmann lässt sich viel Zeit und verweilt bei der Beschreibung des Tals und seiner Bewohner, bevor sich dann unbändige Gewalt lawinenartig ihren Weg bricht.

Die Protagonisten sprechen alle in alpinem Dialekt. Zugleich sind Sätze und Dialoge jedoch sehr kurz gehalten – es wird nicht viel miteinander gesprochen in diesem Tal. Willmann konzentriert sich viel mehr darauf, wortgewaltig Bilder zu malen, Szenen zu beschreiben. Das hat etwas von den langen Einstellungen in einem guten Western. Ebenfalls westerngleich sind auch die Motive hinter den Geschehnissen, und die Fragen, die Willmanns Buch aufwirft. Rache und Vergeltung spielen eine große Rolle. Ebenso das Moralsystem einer kleinen Gemeinschaft, die in fast absoluter Isolation lebt und sich ihr eigenes Rechtssystem schafft.

Kurzfazit: Ein alpiner Western, der inhaltlich überzeugt und sprachlich umhaut.

Lieblingssatz: Erlöser, die sich nicht aufheben und entschwinden, werden zur Peinlichkeit.“

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