Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Ein Buch das Ekel erweckt, Freude schafft, zu Tränen rührt und unsagbar komisch sein kann

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Navid Kermani – Dein Name

Auf mehr als tausend Seiten folgen wir einem Mann, der ein Romanschreiber ist, ein Vater, Enkel, Nachbar, Leser, und der manchmal Navid Kermani genannt wird. Minutiös beschreibt Kermani den Alltag dieses Protagonisten, beginnend am 8. Juni 2006 um 11:17 Uhr. Zunächst hat der Romanschreiber das Ziel, ein Totenbuch zu schreiben: er will festzuhalten, was die Verstorbenen aus seinem Umfeld einzigartig gemacht hat, und auf welche  Art und Weise sie ihn beeinflusst haben. Manche dieser Menschen sind nahe Freunde, andere lediglich Bekanntschaften, aus denen vielleicht mit ein wenig mehr Zeit Freundschaften entstanden wären. Einige wenige hat er nie selbst getroffen, aber ihr Schicksal beschäftigt ihn.

Dein Name ist jedoch kein Buch über den Tod – es beschreibt vielmehr das Leben und all seine Facetten. Kermani mäandriert zwischen den großen Lebensthemen hin und her

  • Familie – das Leben seines iranischen Großvaters nimmt viel Platz ein in diesem Buch. Kermani spricht von der Jugend des Großvaters, dem Werdegang und seiner Bildung. Er führt auf, wie der Werdegang des Großvaters noch zwei Generationen später in der Entwicklung des Enkels nachklingt. Kermani beschreibt die Ankunft der Eltern in Deutschland in der sechziger Jahren, und wechselt in die Gegenwart, in welcher der Protagonist um seine Ehe kämpft und um das Leben der zweiten Tochter bangt, die als Frühchen zur Welt kommt.
  • Religion – Islam, Christentum, christliche Kunst, Muslime in Europa und der Welt – und Religionskonflikte: Bahais im Iran, Muslime und Hindus in Kaschmir. Der Romanschreiber besucht Kaschmir und schildert seine Eindrücke, fährt nach Afghanistan und in den Iran und schreibt, alles auf was er sieht, beschreibt alles was ihn beschäftigt. Zeitweise wirft er Fragen in den Raum – bei manchen bemüht er sich um eine Antwort, andere lässt er einfach stehen.
  • Krankheit und Tod – dies ist schließlich ein Totenbuch, doch Kermani spricht nicht nur von Toten, sondern auch von Krankheiten: dem Krebs der guten Freundin, dem Herzproblem des Vaters, macht auch vor dem Prostatakrebs des Protagonisten nicht halt.
  • Politik –  die Integrationspolitik Deutschlands, die Außenpolitik der USA, die Lokalpolitik der Stadt Köln, in der sowohl der Autor als auch der Protagonist beheimatet sind, finden einen Platz in diesem Buch. So fungiert Dein Name stellenweise als Chronik unserer Zeit, mit besonderem Augenmerk auf die Jahre 2006 bis 2010 (inklusive zweier Fußballweltmeisterschaften).

Es fällt schwer, ein solches Buch knapp und präzise zusammenzufassen. Kermani hat ein Buch geschaffen, das Ekel erweckt, Freude schafft, zu Tränen rührt und stellenweise unsagbar komisch ist. Sich anfangs zurecht zu finden kann schwer fallen, doch wer sich festbeißt, wird nicht mehr aufhören können. Dein Name ist ein tiefschürfendes Buch, das jedem Leser die Wahl lässt, auf welches der vielen Themen er sich einlassen möchte. Wer versucht, sich durch dieses Ideendickicht zu schnell durchzuschlagen, wird der absoluten Reizüberflutung erliegen. Wer sich Zeit lässt, wird mit einer Vielzahl an neuen Gedanken und schönen Momenten belohnt.

Ein starkes Buch, das dem Leser viel abverlangt, doch das jede Minute wert ist, die man damit verbringt, es zu lesen.

Macht Lust auf: Hölderlin und Jean Paul, denen Kermani in diesem Roman ein Denkmal setzt.
Mehr zum Autor: Hier.
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