Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Klein und Fein

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Manche Bücher sind so schmal, dass sie ihre Leser einen, vielleicht zwei, Tage begleiten. Und dennoch hinterlassen sie einen bleibenden Eindruck. Dies trifft ganz besonders bei den drei Büchern zu, die hier nachfolgend vorgestellt werden. Jedes dieser Bücher umfasst weniger als 200 Seiten.

Beryl Bainbridge: The Birthday Boys (181 Seiten): 

1910 führt Captain Scott vier Männer in die Antarktis, auf die Terra Nova Expedition. Ziel ist es, als erste Gruppe den geographischen Südpol zu erreichen. Als sie im Januar 1912 dort ankommen, müssen sie feststellen, dass der Norweger Roald Amundsen sie um 33 Tage geschlagen hat. Auf dem Rückweg durch das Eis kommen alle fünf Männer ums Leben. Bainbridge hat ihrem Buch fünf Teile gegeben. Jeder Teil wird, tagebuchgleich, von einem der fünf Männer erzählt. Die Geschichte setzt nicht erst in der Antarktis ein, sondern bereits auf der Reise dorthin. Wir begleiten die Gruppe nach Madeira, wo Proviant besorgt wird, und Pläne geschmiedet werden. Bereits hier weist einiges darauf hin, dass die Expedition besser organisiert werden könnte… Ein leises, vielschichtiges Buch mit rührenden Momenten.

Mehr Informationen zur Terra Nova Expedition mit Fotos der beteiligten Personen hier. 

Christopher Isherwood – A Single Man (152 Seiten) (Der Einzelgänger)

George Falconer ist ein Professor mittleren Alters, der an einer Universität in Südkalifornien unterrichtet. Es ist der 30. November 1962, und wir begleiten George für einen Tag. Das Buch beginnt mit dem Aufstehen, zweieinhalb Seiten braucht George, um sich aufzuraffen, zu waschen, anzuziehen. Und der Tag beginnt. Isherwoord konzentriert sich dabei völlig auf George, seine Gedanken und Gefühle, seine Reaktionen auf die Dinge, die an diesem Tag passieren. Acht Monate zuvor ist Georges langjähriger Lebensgefährte Jim bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und die Trauer über diesen Verlust schwingt auf jeder Seite mit. Isherwoords Sprache ist makellos; zeitweise dringt subtiler Sarkasmus durch, der den Leser zum Schmunzeln bringt.

Dieser Roman wurde übrigens umwerfend verfilmt von Modedesigner Tom Ford, mit Colin Firth in der Hauptrolle. Die Makellosigkeit der Sprache wird hier in schmerzhaft schönen Bildern aufgegriffen. Den Trailer könnt ihr euch hier ansehen.

Julie Otsuka – The Buddha in the Attic (129 Seiten) / (Wovon wir träumten): Junge japanische Frauen machen sich in den zwanziger Jahren auf den Weg in die USA zu japanischen Männern, die sich erfolgreich in den USA niedergelassen haben. Zumindest glauben sie das. Sie reisen über den Pazifik und freuen sich auf Männer, die ihnen ein Leben in Wohlstand ermöglichen. Sie haben Fotos gesehen von ihnen, von Autos, von Häusern (Deshalb werden diese Frauen auch oft als „Picture Brides“ bezeichnet). Als sie in San Francisco ankommen, müssen sie feststellen, dass diese Fotos nicht ihre zukünftigen Männer dargestellt haben. Dass sie nicht gleichberechtigt in dieser Gesellschaft leben und arbeiten können, und dass ihre Männer nicht als Seidenhändler, sondern als Obstpflücker arbeiten. Und so verdingen sich auch die Frauen als Wanderarbeiterinnen.

Otsuka erzählt die Geschichten dieser Frauen aus wechselnden Perspektiven. Manchmal nennt sie Namen, manchmal hält sie die Beschreibung gezielt vage. Es geht hier nicht um einige wenige Frauen – es geht um hunderte, und fast immer schreibt Otsuka in der ersten Person Plural: „We gave birth under oak trees, in summer … we gave birth beside woodstoves … we gave birth on windy islands…we gave birth in towns…” 

Ein tolles Buch zu einem Abschnitt US-amerikanischer Geschichte, der noch viel zu wenig beachtet wird.

Mehr zu den sogenannten „Picure Brides“ hier.

 

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