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Irène Némirovsky: Die Familie Hardelot

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Irène Némirovsky: Die Familie Hardelot

Die Familie Hardelot lebt in Saint-Elme, in der französischen Provinz. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts geht es der Familie gut. Der immer noch rüstige Großvater, selbst der Enkel eines Bauern, hat von der industriellen Revolution profitiert, führt seine eigene Papierfabrik, und die Familie mit eiserner, seiner Meinung nach wohlmeinender, Hand.

Allerdings kommt kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges Unruhe in das satte und zufriedene Leben der Familie. Nicht die aktuelle politische Lage ist dafür verantwortlich, sondern das Verhalten des einzigen Sohnes – Pierre. Dazu bestimmt die wohlhabende Waise Simone zu heiraten, deren Mitgift eine willkommene Finanzspritze für die Expansionspläne des Patriarchen darstellt, wendet er sich auf einmal gegen die Familie und heiratet Agnès Florent. Die bringt nur eine bescheidene Mitgift mit. Ihr verstorbener Vater – nur ein Bierbrauer. Ihre Mutter, Madame Florent, kommt aus Paris und musste sogar – mon Dieu! – vor ihrer Heirat selbst arbeiten um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Keine Frage, dass so eine Partie nicht den Plänen des alten Hardelots entspricht. Pierre wird der Fabrik  verwiesen und von seinem Großvater nicht mehr empfangen.

Diese persönlichen Entwicklungen nehmen die Familie Hardelot und Madame Florent vollends in Anspruch. Nachrichten eines kommenden Krieges nehmen sie zunächst wenig ernst. Als es dann tatsächlich so weit ist und Pierre eingezogen wird, erklärt sein Vater bestimmt, „ daß ein Weltkrieg fast ohne Blutvergießen verlaufen muß.“

Auch die Zerstörung Saint-Elmes erschüttert die Familie Hardelot kaum. Der Patriarch, ein bisschen älter aber immer noch rüstig, macht sich an den Wiederaufbau von Ort und Fabrik. Simone, die verprellte Verlobte, bringt durch einen interessanten Twist doch noch ihr Erbe in die Fabrik mit ein, und das Leben scheint so weiterzugehen, als sei der Krieg nie gewesen. So berührt das Herannahen des zweiten Weltkriegs den Alltag der Familie erneut nur wenig. Agnes und Pièrre sorgen sich vielmehr um ihre beiden Kinder. Besonders der Sohn macht ihnen Kummer. Genau wie sein Vater einige Jahrzehnte zuvor, hat er in Liebesdingen seinen ganz eigenen Kopf.

Némirovsky beherrscht die Kunst, elegante Wendungen in die Geschichte einzubauen, die zu überraschenden Ergebnissen führen. Langweilig wird das Buch nie. Auf den ca. 250 Seiten passiert mehr als auf 500 Seiten in manch anderem Buch. Die Autorin prangert die Feigheit und Weltferne des französischen Bürgertums an, das seinen Kopf wieder und wieder in den Sand steckt. Gleichzeitig gesteht sie der Familie Hardelot in all ihrer Verbohrtheit doch eine wunderschöne Sache zu – Liebe.  Und das macht dieses Buch, das zwei Weltkriege umspannt, zu einem wunderschönen und kurzweiligen Leseerlebnis.

Zur Autorin (dem Klappentext entnommen): „Irène Némirovsky wurde 1903 als Tochter eines jüdischen Bankiers in Kiew geboren. Nach der Oktoberrevolution ging die Familie nach Paris; dort avancierte Irène Némirovsky zum Star der Literaturszene. Nach dem Einmarsch der Deutschen floh sie in den Süden, wurde verhaftet und starb in Auschwitz. Ihr Werk wurde erst 60 Jahre später durch einen Zufall wiederentdeckt.“

Mehr Informationen zu der Autorin und der Wiederentdeckung ihres Werkes gibt es auch hier.

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