Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Michel Houellebecq: Karte und Gebiet

Hinterlasse einen Kommentar

Michel Houellebecq: Karte und Gebiet

Das Buch beginnt mit der Betrachtung eines Gemäldes, das sich gerade mitten in der Entstehung befindet. Erschaffen wird es von Jed Martin, einem jungen Künstler mit sehr gut betuchten Eltern, der dennoch in einem sehr kleinen Atelier mit defektem Heizkessel  wohnt. Houellebecq tritt Seite um Seite einige Schritte zurück, beschreibt den Künstler, seine Wohnung, seinen Vater (die Mutter hat sich bereits vor Jahren das Leben genommen). Dann holt der Autor noch ein wenig weiter aus und versetzt den Leser in Jed Martins Vergangenheit, lässt ihn so an seinem Werdegang teilnehmen. Gemeinsam mit Jed lernen wir Olga kennen, die Frau, die ihn wohl wirklich liebt, der er seinen Durchbruch als Künstler zu verdanken hat, und die er dennoch ziehen lassen wird.

 Jeds erste Werke sind Fotografien von Michelin-Karten, die er wie im Wahn erstellt, nachdem ihm die Erkenntnis gekommen ist, dass Karten, also die Darstellung der Wirklichkeit, interessanter sind als das Gebiet, das sie beschreiben. Und diese Einstellung scheint sich auf Jeds Sicht der Welt im Allgemeinen zu legen: er betrachtet sein Leben und die Leute die darin vorkommen mit einer gewissen Passivität. An tieferen Bindungen ist ihm nicht gelegen; weder Sex noch Alkohol reizen ihn wirklich, und selbst in der Kunst geht er nur phasenweise mit Leidenschaft auf.

Und dennoch vermag Houellebecq es, Bewegung in die Geschichte zu bringen. Zum einen wirft er dem Leser wiederholt Denkanstöße an den Kopf, die dazu verleiten, das Buch einen Moment lang sinken zu lassen um das Angesprochene Revue passieren zu lassen. Karte und Gebiet liest sich daher, trotz geschliffener Sprache, nicht flott vom Fleck weg, auch aufgrund der Dialoge, die nicht immer flüssig verlaufen, und teilweise von abrupten Themenwechseln dominiert werden. Zum anderen tritt etwa nach dem ersten Viertel des Buches dann Michel Houellebecq auf, etablierter französischer Autor, der für Jeds erste Einzelausstellung (die auch seine einzige bleiben wird, und die ausreicht, ihn in die höchsten Gefilde der modernen Kunstszene zu katapultieren) ein Vorwort für den Katalog schreiben soll.

Houellebecq schmeichelt sich in seiner Selbstdarstellung nur wenig („ein Einzelgänger voller Menschenverachtung …, der sogar Mühe hatte, ein Wort an seinen Hund zu richten“) – allerdings ist diese Romanfigur die einzige Person, die Jed wirklich zu interessieren scheint. Er bemüht sich, diesen Mann kennenzulernen und malt sich aus wie es wäre, eine echte Freundschaft entstehen zu sehen. Schade nur, dass dieses Bemühen durch die sehr plötzliche und extrem brutale Ermordung der Romanfigur Houellebecq unterbrochen wird. Allerdings ist dieser Tod für den Autor kein Grund, die Geschichte enden zu lassen, denn für die eigentliche Hauptperson, und für alle anderen, geht das Leben schließlich weiter..

Houellebecqs interessante Ideen und seine Selbstironie nehmen dem Buch die Schwere und machen Lust aufs Weiterlesen. Nun, wo sich die Sonne wieder blicken lässt, kann man sich auf jeden Fall an dieses Buch wagen.

Schön für:

  • Pariskenner („In Paris ist die Luft gleichsam mit Informationen gesättigt; ob man will oder nicht, man sieht die Schlagzeilen an den Zeitungsständen und hört die Gespräche in der Schlange vor den Kassen der Supermärkte.“)
  • Familienmenschen („der Sohn ist zwar der Tod des Vaters, das steht fest, aber für einen Großvater ist der Enkel eine Art Wiedergeburt oder Revanche.“)
  • Naturalisten („Die Vegetation trägt den endgültigen Sieg davon.“)
  • Kapitalismuskritiker („Auch wir sind Produkte, … kulturelle Produkte. Auch wir sind eines Tages überholt.“)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s