Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Der Brief eines Kaisers

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Marguerite Yourcenar: Ich zähmte die Wölfin

In einem Essay zur Entstehung dieses Buches schrieb die Autorin: „Diejenigen, die den historischen Roman als eine Sonderform ansehen, vergessen, daß der Schriftsteller stets nur, mit Hilfe zeitgemäßer Methoden, eine gewisse Anzahl vergangener Geschehnisse interpretiert.“ Tatsächlich interpretiert Yourcenar in diesem Buch noch viel mehr als bloß Geschehnisse. Sie interpretiert einen Menschen. Das Buch ist ein fiktiver Brief des Kaisers Hadrian an seinen Adoptivenkel Marc Aurel. Hadrian, sechzigjährig und kurz vor seinem Tod, lässt hier sein Leben Revue passieren – erklärt, rechtfertigt, rühmt seine Taten. Der Leser lernt einen Menschen kennen und schätzen.  

Yourcenar vermag es, Hadrian eine Vielzahl an Gesichtern zu geben. Der Leser begegnet einem jungen, ungestümen Mann von niedrigem Adelsrang, der sich an der sich stark ausdehnenden römischen Grenze unter Trajan die Hörner abstößt. Hadrian wandelt sich langsam zum Kaiser, beginnt, sich ehrlich für das Wohlergehen des römischen Staates zu interessieren. Yourcenar beschreibt seine Passion für Griechenland und die griechische Kultur und die Liebe, die Hadrian seinem jugendlichen Liebhaber entgegen bringt, für den er nach dessen Tod einen eigenen Kult ins Leben ruft. Seine Verehrung für die Frau seines Vorgängers und die Abscheu vor der eigenen Frau wird ebenso ausführlich besprochen wie seine Überzeugung, dass alleine eine ausgedehnte Friedensperiode dem römischen Reich dienen kann.

Das Buch zeichnet ein überzeugendes und menschliches Bild dieses Mannes, der sich mit den Jahren schließlich für göttlich hält und dennoch sympathisch bleibt. Hadrian ist hier nicht nur Staatsmann, nicht nur von sich überzeugt. Wiederholt wirft er Fragen auf zur richtigen Lebensweise, zum Älterwerden, zum Sterben. Er sinniert über Religion und den Gegensatz von körperlicher und seelischer Liebe, und findet dabei treffende und wunderschöne Bilder (kurz erwähnt sei hier seine Beschreibung vom Einschlafen als „allabendlichen, unerläßlichen, verwegenen Tauchsprung … in einen Ozean“).

Ein beeindruckendes Buch, das innerhalb weniger Seiten eine Wucht entfaltet, die selbst zögerliche Leser mitreißt, um sie am Ende sehr nachdenklich wieder an Land zu spülen.

Gedankennahrung: „Die Natur lässt uns im Stich, das Glück wechselt, der Gott beschaut sich all dies.“

Diskussionsstoff: „Ein Mensch hat das Recht zu entscheiden, von wann ab sein Leben aufhört, Wert zu haben.“ 

Sachbuch zum Thema: Die Hadrian-Biographie von Anthony Everitt bietet einen umfassenden und unterhaltsamen Einblick in Hadrians Leben und seine Zeit. Die volle Rezension zu Hadrian and the Triumph of Rome gibt es hier. 

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