Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Interessant für Geschichtsnerds, Religionskritiker und Freizeitphilosophen

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Stephen Greenblatt: The Swerve – How the World Became Modern (Die Wende – Wie die Renaissance begann)

Stephen Greenblatts Buch beginnt im Jahre 1417, in dem der ehemalige päpstliche Sekretär Poggio Bracciolini eine bahnbrechende Entdeckung macht. Bracciolini ist zu diesem Zeitpunkt arbeitslos, weil sein voriger Arbeitgeber, Papst Johannes der 23., im Kerker auf ein Gerichtsverfahren wartet, das ihn seines Amtes entheben wird. Sein früherer Sekretär hat sich derweil zum Buchjäger („book hunter“) gemausert, der in klösterlichen Bibliotheken auf der Suche nach römischen und griechischen Schriften ist, um sie seinen Zeitgenossen wieder zugänglich zu machen. Und so stößt er 1417 auf den Text eines gewissen Lukretius mit dem Titel De Rerum Natura, im Deutschen häufig übersetzt mit „Das Wesen der Dinge“.

Und was in diesem Buch drin steht wird die Welt verändern. Nicht sofort, und nicht in einem Schwung, doch die Ideen, die dank der Arbeit des Poggio Bracciolini zurück in die Welt finden, nachdem sie Jahrhunderte vergessen vermoderten, stellen das bis dahin gängige Weltbild auf den Kopf, und Stephen Greenblatt beschreibt detailliert warum und inwiefern.

Das Buch ist packend – für Bücherliebhaber ganz besonders, denn Bracciolini ist ein Büchernarr, und seine Liebe zum geschriebenen Wort wird in langen Zitaten deutlich. Doch nicht nur er kommt zu Wort; die Vielzahl an Denkern aus späteren Epochen, die sich auf den von Poggio gefundenen Text beziehen, macht erst deutlich wie wichtig dessen Entdeckung wirklich war. So spannt Greenblatt den Bogen von Poggio zunächst zurück zu den Griechen und Römern. Von dort zurück über Poggio, das Schisma der katholischen Kirche, Thomas More, die Reformation, Shakespeare und Ben Johnson. Goethe, Darwin und Galilei stoßen dazu, und alles endet schließlich mit Thomas Jefferson.

So weit muss man allerdings erst einmal kommen. Besonders am Anfang wiederholt Greenblatt sich ein wenig zu häufig, und Aussagen die auf den ersten Blick zum interessierten Nachdenken anregen, nerven beim zweiten oder dritten Mal deutlich. Zugleich steht der meist betont lockere Ton an manchen Stellen in starkem Kontrast zu oft langen, verschachtelten Sätzen. Da taucht ein Verb auf, wo man es schon gar nicht mehr erwartet, hier wird eine Metapther angebracht, die eines oder zwei Absätzen Erklärung bedarf. Trotz dessen ist es spannende Lektüre, die zum Nachdenken und Weiterlesen anregt – ich empfehle jedem Leser, einen gründlichen Blick in das Quellenverzeichnis zu werfen, wo sich reichlich Anregungen finden.

Insgesamt interessant für Geschichtsnerds, Religionskritiker und Freizeitphilosophen. Absolut perfekt für Buchliebhaber.

Gedankennahrung:

  • „Books give delight to the very marrow of one’s bones. They speak to us, consult with us, and join with us in a living and intense intimacy”
  • „There is a hidden explanation for everything that alarms or eludes you.”
  • “Against other things it is possible to obtain security, but when it comes to death we human beings all live in an unwalled city.”
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