Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Ist der Film immer "schlechter" als das Buch?

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Christopher Tolkien, Sohn des Schöpfers von Mittelerde, hat zum ersten Mal überhaupt mit der Presse gesprochen. Im Gespräch mit der Zeitung Le Monde bemängelte er die Umsetzung des Herrn der Ringe und nun des Kleinen Hobbits von Peter Jackson auf der Leinwand (eine englische Übersetzung des Le Monde Artikels gibt es hier).

Christopher Tolkien kritisiert, dass die Schönheit und der Ernst der Romanvorlagen es nicht auf die Leinwand gebracht haben. Im Zuge der Kommerzialisierung des Stoffes seien ästhetische und philosophische Aspekte verlorengegangen und durch Nichts ersetzt worden. Peter Jackson und seine Kollegen hätten das Buch „bedeutungslos“ gemacht, indem sie es in einen Actionfilm für 15- bis 25-jährige Kinogänger gewandelt hätten.

Zum Teil verstehe ich Christopher Tolkiens Frustration. Die Hobbit-Verfilmung habe ich bis jetzt noch nicht sehen können, bin allerdings jetzt schon genervt von der PR-Maschinerie die ihn umgibt und war überrascht, auf bereits veröffentlichten Bildern Charaktere zu sehen, die nicht in Tolkiens Buch vorkommen. Auch die Verfilmung von Herr der Ringe war keine getreue Kopie des  Buches. Jackson hat Kürzungen vorgenommen (und manche Leser mögen sagen, dass dies auch dem Buch nicht geschadet hätte), und zugleich Szenen hinzugeschrieben, die zum Teil viel weniger ernst ausfallen als in der düsteren Romanvorlage (man denke nur an den Konflikt zwischen dem Elben Legolas und dem Zwerg Gimli, der besonders in den extensiven Schlachtenszenen zum Teil dringend benötigten Comic Relief bietet).

Ich denke, wir müssen uns von dem Anspruch lösen, dass Filme möglichst originalgetreue Kopien ihrer schriftlichen Inspiration sein sollten. Das können sie nämlich nicht sein, schließlich handelt es sich hier um ein vollkommen anderes Medium. Deshalb ist der jeweilige Film aber nicht zwangsläufig „schlechter“ als das Buch. Dadurch, dass Filme Bücher auf eine bestimmte Art und Weise umsetzen und nicht anders, eröffnen sie zum Teil völlig neue Perspektiven auf den Stoff und ermöglichen einen Diskurs, den es andernfalls vielleicht nicht gegeben hätte. Ja, die Filmversion von Tolkiens Stoff spricht ein jüngeres Publikum an als das Buch weil komische Elemente hinzugefügt werden und schwerere Inhalte ihren Weg nicht auf die Leinwand geschafft haben. Aber machen diese Änderungen diesen Stoff komplett bedeutungslos? Ist es nicht ein Verdienst, wenn ein Stoff so packend und gleichzeitig wandelbar genug ist, dass er auf eine bestimmte Weise interpretiert und umgesetzt werden kann? Und es nicht so, als sei Tolkiens Stoff im Film nicht wiederzuerkennen. Fragen nach Macht und Ohnmacht werden auch hier aufgeworfen; Freundschaft und Verrat durch Versuchung haben ebenfalls im Film ihren Platz, und die Tatsache, dass die Elben Mittelerde verlassen, weil sie es als untragbar empfinden, diese Welt weiterhin mit Menschen zu teilen, kann auch nach Betrachtung des Films von philosophischen, politischen, historischen Standpunkten aus diskutiert werden.

Falls keines dieser Argumente überzeugt, vermögen es vielleicht die folgenden Zahlen: zwischen 2001 und 2003, als die Trilogie in die Kinos kam, wurden weltweit 25 Millionen Versionen des Buches verkauft. Für viele waren die Filme ein Einstieg in die Welt von Tolkien und sie haben Kinogänger in neue Tolkien-Leser verwandelt.
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