Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Autorentip: Georgette Heyer – The Queen of Regency Romance

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Vor einigen Tagen durchstöberte ich eine Bahnhofs-Buchhandlung – die sind schließlich immer für Überraschungen gut. Dieses Mal stolperte ich jedoch über eine wenig angenehme Überraschung: Georgette Heyer in deutscher Übersetzung, jedoch als Teil dieser Romantik-Groschenromane, die man eigentlich nicht lesen darf und wenn man es doch tut, wickelt man das Buch in hellbraunes Papier und hofft, dass einem in der Bahn niemand neugierig über die Schulter blickt um mitzulesen. Warum regte mich das auf? Weil Georgette Heyer etwas viel besseres verdient hat, als solch eine deutsche Übersetzung. Und ich lege jedem dringend ans Herz, sich ein oder zwei ihrer Regency Romane in englischer Sprache zu besorgen.

Heyers Bücher sind für all jene etwas, die Jane Austen mögen und sich ärgern, dass es nicht mehr Bücher von ihr gibt. Und Heyers Bücher sind für alle jene etwas, die Jane Austens Bücher ungern lesen, weil sie ihnen etwas zu behäbig sind (soll es ja geben). Um höhere Literatur handelt es sich bei ihnen wohl nicht und spätestens zur Hälfte des Buches ist dem aufmerksamen Leser auch klar, welcher der charmanten Gentlemen welche der zauberhaften Damen zum Ende des Buches als seine Braut bezeichnen kann, und doch schafft Heyer es, dem Leser Überraschungsmoment zu schenken und ihnen in regelmäßigen Abständen lautes Gelächter zu entlocken – entweder durch die Schlagfertigkeit der Personen, die Absurdität einiger Situationen, oder auch die unverkennbare Ironie mit der sie liebevoll einige der Komparsen beschreibt – da wäre zum Beispiel Jonathan Chawleigh in A Civil Contract, ein neureicher Kaufmann, der seine eiznige Tochter mit dem hochadligen, aber leider bankrotten, Adam Deveril verheiratet, um sie in den Adelsstand erhoben zu wissen. Begeistert von der neuen, höheren, Position seiner Tochter in der Gesellschaft, will sich der stolze Schwiegervarer erkenntlich zeigen und dem adligen Schwiegersohn mit teuren Geschenken und Überraschungen wie der völligen Neueinrichtung des Stadtpalais der Familie, eine Freude machen – beweist dabei allerdings leider selten guten Geschmack:


„Mr. Chawleigh’s taste for opulence had been given full rein … Mr. Chawleigh had fallen a victim to the fashionable rage for the Egyptian and the classical styles. The Dowager had stripped the drawing-room of almost everything but the large Abusson carpet, and on its delicately hued pattern were placed couches with crocodile-legs, occasional tables inlaid with marble and wreathed with foliated scrolls, lyre-backed chairs, footstools on lion-legs, and several candelabra on pedestals with lotos and anthemion garlands…”

Während die meisten von Heyers Büchern dem klassischen Austen-Schema folgen, bei dem an Ende der Geschichte eine Hochzeit, oder zumindest Verlobung stattfinden, beginnen einige ihrer Geschichten, ähnlich einer Henry James Geschichte, mit einer Eheschließung und porträtieren dann die Ehe. Anders als bei James, handelt es sich nicht um desaströse Ehen, auch wenn sie nicht immer unter den besten Vorzeichen geschlossen werden. A Civil Contract ist ein Beispiel dafür, denn obwohl Deveril seine Angetraute gut behandelt, ist doch von Anfang an klar, dass sie gewisse Differenzen überbrücken müssen – nicht nur den sich in alles einmischenden Schwiegervater. Ein anderes Beispiel für diese Art des Plots ist die Convenient Marriage, in der sich die Heldin, Horatia, opfert und den Earl of Rule heiratet, der eigentlich um die Hand ihrer Schwester angehalten hatte. Da Horatias Schwester jedoch bereits heimlich verliebt ist, bietet sich Horatia statt dessen an und verspricht ihm, dass sie ihn völlig in Ruhe lassen werde. So einfach, wie sie sich das ausgemalt hat, wird es natürlich nicht, denn zum einen ist sie von dem Haushalt des Earls völlig überfordert und von dem neuen Reichtum komplett überwältigt, schmeisst sie sich in das Leben der Londoner High Society und sieht sich bald mit einem handfesten Skandal konfrontiert. Ihr Mann beginnt unterdessen sich, unbemerkt von seiner jungen Ehefrau, in sie zu verlieben und bemüht sich, ohne ihr Wissen, den Skandal unter den Teppich zu kehren.

The Convenient Marriage ist sicherlich eines der alberneren Bücher von Heyer, und als Einstieg eignet sich eher A Civil Contract. Wer sich doch ganz klassischen Austen-Plotelementen hingeben möchte und gerne einer starken und eigenwilligen Heldin folgen möchte, ist auf jeden Fall bei The Grand Sophy oder Frederica gut aufgehoben. Wer mit der Grand Sophy beginnt und seine Erlkundungstour mit dem Civil Contract fortsetzt, muss Heyer eigentlich verfallen. Und dann darf man sich freuen, dass sie über 50 Bücher geschrieben hat, wenn auch nicht alle Regency-Romanzen sind, sondern es sich bei einigen um Krimis zu Beginn des 20. Jahrhunderts handelt. Aber von denen sprechen wir ein ander Mal…

Schade, aber: ein Buch gibt es doch, dass ich nicht vorbehaltlos empfehlen würde und von dem ich recht enttäuscht war, und zwar die Royal Escape. Wer einen von Heyers Regency Romanen erwartet, kommt da leider nicht auf seine Kosten.

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