Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Lachend mit er einen, weinend mit der anderen…

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Muriel Barbery – Die Eleganz des Igels

Der elegante Igel, der in Barberys Buch in Form eines Tagebuches zu uns spricht, ist Renée Michel, Concierge in einem Pariser Apartmenthaus der französischen oberen Zehntausend. Renée ist eine gebildete Concierge, mit einem Faible für Tolstoi, japanische Filme und klassische Musik. Aus einer armen Bauernfamilie kommend, hat sie ihre Schulbildung nach wenigen Jahren auf Eis legen müssen, doch ist ihr vorher klar geworden, welch wunderbare Welten sich zwischen zwei Buchdeckeln verbergen und so liest sie seit Jahren alles, was ihr zwischen die Finger kommt – philosophische Abhandlungen, Klassiker der Weltliteratur, Anthologien mit Musik-, Kunst-, oder Filmbezug.

Zugleich hat sie eine panische Angst davor, dass einer der reichen Bewohner des Hauses von ihrer umfassenden Bildung Wind bekommen könnte und sie als Bedrohung des hierarchischen Gleichgewichts empfinden würde. So stellt sie sich in der Öffentlichkeit als ungebildet, nahezu dumm, dar. Dies mag zunächst merkwürdig anmuten, doch wird im Laufe der Geschichte klar, warum sie diese Angst mit sich herumträgt.

Ein zweiter Erzählstrang ist das Tagebuch von Paloma, einem zwölfjährigen Mädchen, das mit seinen Eltern und seiner Schwester auf 400 Quadratmetern in einer der Wohnungen lebt, um die sich Renée kümmert. Während Renée das Gebaren der Reichen kritisch beäugt und sich über ihren Mangel an Manieren und Bildung auslässt, geht Paloma noch einen Schritt weiter, denn sie ist in ihren Beobachtungen regelrecht zynisch. Überdurchschnittlich intelligent und wachsam beobachtet sie die Welt um sich herum und kommt zu einem deprimierenden Schluss: „Die Leute meinen, sie verfolgen die Sterne, und dann enden sie wie Goldfische in einem Glas.“ Daher entschließt sie sich, sich an ihrem dreizehnten Geburtstag das Leben zu nehmen und im gleichen Zug auch die Wohnung ihrer Familie anzuzünden, um ihre tumben Verwandten und Nachbarn wachzurütteln. Bis dahin möchte sie in ihrem Tagebuch „tiefgründige Gedanken“ und „Bewegungen der Welt“ noch Eindrücke festhalten. So leben beide vor sich hin und machen sich, ohne es zu wissen, zur gleichen Zeit ganz ähnliche Gedanken. Bewegung kommt in die Geschichte als ein neuer Bewohner einzieht – Kakuro Ozu, den Renée nicht täuschen kann, und der Paloma endlich den Respekt entgegenbringt, den sie sich von den Erwachsenen so sehnsüchtig wünscht.

Barberys Buch lädt zum Nachdenken ein – über die Macht der Kunst, den Einfluss der Schönheit, den Fluch des Geldes. Man lacht mit Paloma, weint mit Renée und verliebt sich in Kakuro. Renées Sprache mag ein wenig gewöhnungsbedürftig sein, denn ihre Sätze sind manchmal sperrig, und Paloma kann als verwöhntes Gör empfunden werden, doch das ist lediglich Zeugnis von Barberys großem Erzähltalent. Das Buch ist lesenswert und man läuft Gefahr, sich zwei Tage lang unansprechbar zu verkriechen und dann mit benommenem Kopf wieder aufzutauchen.

Lieblingssatz: „Mir ist der Ort, an dem ich bin, egal, vorausgesetzt, ich kann mich in meinem Kopf ungehindert bewegen.“

Das Buch erinnert an: Rose Tremains Buch „The Way I Found Her“. Auch hier schreibt ein Kind, der dreizehnjährige Lewis Little, ähnlich wie Paloma über das Leben der Erwachsenen. Wie Paloma ist auch er seiner Mutter nicht sehr verbunden sondern orientiert sich an einer anderen Frau, die ihn fasziniert. Wer Barberys Buch mag, wird auch Tremains Werk etwas abgewinnen können.

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