Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Wenn üble Angewohnheiten die Liebe überwinden

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04957-marriage_plotJeffrey Eugenides – The Marriage Plot (Die Liebeshandlung)

„Die Liebe überwindet den Tod, aber es kommt vor, dass eine kleine üble Gewohnheit die Liebe überwindet.“ – Marie von Ebner-Eschenbach

In Eugenides‘ neuem Buch geht es um – wie sollte es anders sein – die Liebe. Und üble Angewohnheiten – kleine und große. Als Leser sieht man hier drei jungen Menschen auf ihrer Persönlichkeits- und Sinnsuche zu. Madeleine, Leonard und Mitchell kämpfen jeweils mit ihren eigenen Teufeln und Träumen während sie versuchen, ihren eigenen Weg zu beschreiten.

Im Verlauf ihres letzten Semesters verliebt sich Madeleine in Leonard, den coolen, undurchsichtigen Kommilitonen, der sie mit seinen cleveren Einsichten während der Vorlesung zugleich begeistert und verschreckt. Und eigentlich will Leonard auch Madeleine, wäre da nicht diese Furcht vor Bindungen, das Trauma einer von Misshandlungen geprägten Familiengeschichte, und seine manische Depression. Gleichzeitig will aber auch Mitchell Madeleine, und Mitchell ist der Traum ihrer Mutter – ein Junge mit guten Noten, guten Manieren, und keiner manischen Depression.

Schritt für Schritt folgt Eugenides den dreien, indem er jedem immer einige Dutzend Seiten widmet. Nach Abschluss des Studiums nimmt Leonard eine Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft an und bemüht sich, keinen seiner Mitarbeiter und Vorgesetzten merken zu lassen, dass er unter dem Einfluss starker Medikamente steht – zu groß ist Anfang der 1980er Jahre noch die Stigmatisierung seiner Krankheit. Madeleine verschiebt ihre Pläne, sich für ein Doktor-Programm in Englisch einzuschreiben und steht ihm als Krankenschwester zur Seite. Konsequent versucht sie, diesen Schritt vor sich und ihrer Familie zu rechtfertigen. Mitchell geht auf Weltreise mit dem Ziel, seine Gefühle für Madeleine zu vergessen und gleichzeitig seine Gefühle für eine göttliche Instanz zu entdecken und festigen.

Keiner der drei erreicht sein Ziel und alle müssen feststellen, dass ihrer ursprünglichen Lebensplanung noch viel hinzuzufügen ist. Eugenides spickt die Geschichte mit Zitaten von Roland Barthes und Michel Foucault, deren Theorien zur Diskursanalyse in akademischen Kreisen zu jener Zeit vieldiskutiert sind. Zugleich schafft er es durch seine Fokussierung auf drei Protagonisten, das Interesse des Leser durchgängig wach zu halten. Niemals versinkt er zu lange in den Problemen und Fragen einer Person, sondern schwenkt im richtigen Moment zu einer anderen Person, einem anderen Ort, einer anderen Zeit. Von Madeleine im Jetzt auf Cape Cod, zu Mitchell zwei Wochen später in Paris, zu Leonards Kindheit zehn Jahre zuvor. Verwirrend ist es trotzdem nie – dafür versteht Eugenides zu viel von seinem Handwerk.

Wer dieses Buch liest, will anschließend unbedingt lesen: Roland Barthes, A Lover’s Discourse. Nach den vielen Einzelzitaten im Marriage Plot will man das alles schließlich auch mal im richtigen Zusammenhang sehen.

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